Presse

Schau dir in die Karten, Kleines

Wahrsager, Kartenleger, Astrologen – bei Hollywoodstars und Hochadel haben sie derzeit Konjunktur. Shirley MacLaine schreibt über Reinkarnation, Angelina Jolie geht zum Guru, Spaniens König Juan Carlos konsultiert regelmäßig die Astrologin Elisabeth Teissier, und Demi Moore lässt sich Tarot-Karten legen. Da liegt der Frankfurter Kabarettist, Sänger, Schauspieler und Regisseur Jo van Nelsen voll im Trend. Nur dass er auf seine eigenen Spiritualität vertraut und sich und anderen die Karten legt.

Auf der Bühne verkörpert der vielseitige Künstler derzeit den Esoteriker im Bademantel. „Was, dir geht’s gut?“ heißt sein Wellness-Programm, mit dem er gemeinsam mit seinem Pianisten Thorsten Larbig durchs Rhein-Main-Gebiet tourt. Was er auf der Bühne mit Augenzwinkern und ironischem Unterton transportiert, betreibt er am Morgen danach mit großer Ernsthaftigkeit. In diesen Tagen hat er ein Gewerbe angemeldet und bietet seine Dienste als „Esoterischer Lebensberater mit Schwerpunkt Kartenlegen“ unter dem Namen „Jo-Tarot“ übers Internet jedem an, der mehr über sich selbst erfahren möchte. „Ich empfinde die Welt als wahnsinnig lieblos und arbeite dafür, dass wir uns wohler fühlen“, ist sein oberster Beweggrund. Zum Beispiel seine letzte Regieassistentin, die zwischen zwei Männern stand. „Ich habe ihr bei unserer Generalprobe im Foyer die Karten gelegt, und es war so klar, dass sie ihren damaligen Mann verlassen sollte. Heute ist sie glücklich mit dem anderen“, erzählt er.



 

Zunächst lässt er sein Gegenüber die 22 Karten des klassischen Tarots sowie die 56 Karten mit Stäben, Schwertern, Münzen und Kelchen mischen. Diese sind durchgezählt wie Spielkarten inklusive Bube, Dame König, As und haben die gleichen Wurzeln. „Viele haben Angst vor Tarotkarten, aber Skat spielen sie alle“, stellt er fest. Nach dem Ausbreiten wird eine Karte nach der anderen gezogen. „Immer mit der linken Hand, weil die von Herzen kommt.“ Eine Karte zeigt die momentane Situation des Betreffenden, links davon schaut eine andere in die Vergangenheit, rechts in die Zukunft. Weitere Karten weisen darauf hin, wie der Mensch sich selbst wahrnimmt und wie ihn die Außenwelt sieht. Jo van Nelsen interpretiert die unterschiedlichen Karten, schafft Verbindungen und lässt so ein großes Bild des Menschen entstehen, der ihm eigentlich fremd ist. Mit dem neuen Gewerbe habe er aber auch eine große Verantwortung übernommen, sagt der Lebensberater. „Ich muss wissen, wie ich das vermittele, was ich sehe, auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick negativ ist.“ Er sieht seine Gabe als Verpflichtung. „Manchmal spreche ich auch fremde Leute an, bei denen ich das Gefühl habe, ich kann ihnen mit meinen Karten helfen. Ich habe immer ein kleines Set im Rucksack.“

Jo van Nelsen ist überzeugt, dass es für jeden Menschen einen vorgezeichneten Lebensweg gibt. „Ob wir uns auf den Nebenwegen verzetteln, ist unser Problem.“ Und gerade da können die Karten helfen. Viele Menschen hätten Angst davor, in die Zukunft zu blicken. „Dabei liegt die Zukunft nur im Dunkeln, wenn sie von unseren Ängsten diktiert wird.“ Selbst wenn jemand bei ihm die Karte „Tod“ ziehe, müsse er nicht gleich erschrecken. „Es bedeutet nicht, dass er stirbt, sondern zeigt nur das Ende einer Sache an.“

Jo van Nelsen begann schon mit 16 Jahren, Tarot-Karten zu legen. Ich war damals sehr verzweifelt und hatte sogar Selbstmordgedanken.“ Die Leiterin seiner damaligen Theatergruppe in Bad Homburg brachte ihn auf die Karten. „Sie haben Ordnung in mein Leben gebracht und vieles relativiert“, sagt er heute. Er kaufte sich ein eigenes Set und legte die Karten auch für andere Leute. Nach drei bis vier Jahren wurden andere Dinge wichtig und er legte die Karten beiseite. „Vor einem Jahr haben sie mich dann wieder angeguckt, und ich habe begonnen, mir jeden Tag eine Karte zu ziehen, um mich wieder reinzufinden.“ Das Gefühl dafür kam schnell, so dass er es heute manchmal befriedigender findet, jemandem die Karten zu legen, als zwei Stunden auf der Bühne zu stehen.

Doch so schnell gibt er das Theaterspielen und Inszenieren sicher nicht auf. Das sagen schließlich die Karten. Aktuell hat er die „Mäßigkeit“ gezogen. „Sie bedeutet, dass ich viele Aufgaben ins Gleichmaß bringen sollte.“ Bei jemandem, der so viele Berufe hat wie er ist das entscheidend.

Sabine Boerchers in: Frankfurter Neue Presse, 03.03.2007